eParticipation auf Twitter – gibt es einen Unterschied zu Facebook?

 

Im Laufe unseres Blogs haben wir eine kleine Analyse über Facebook gemacht. Uns interessierte, was bekannte Schweizer Politiker auf ihre Profile posten und vor allem, ob zwischen ihnen und ihren potenziellen Wählern Diskussionen im Sinne der eParticipation entstehen. Also, ob ein kommunikativer Austausch zwischen Politiker und Bürger entsteht oder ob nur einseitige Kommunikation stattfindet.

Im Laufe dieser kleinen Analyse trat die Frage auf, ob es möglicherweise mit dem anderen grossen Online-Netzwerk Twitter anders aussieht. Sind gleich viele Politiker auf Twitter vertreten? Sind sie aktiver? Gibt es einen Unterschied bezüglich der veröffentlichten Inhalte? Aber vor allem: wie sieht es hier mit Diskussionen zwischen Politiker und Bürger aus? Wir vermuteten, dass Facebook gerade bei den Jungen nicht mehr extrem populär ist, dass Twitter ein grösseres Publikum ansprechen würde und so auch vermehrt Diskussionen entstehen.

Also untersuchten wir auch das Twitter-Verhalten der Politiker. Um die beiden Analysen einfacher vergleichen zu können, wurden dieselben Politiker untersucht. Allerdings fiel das Ergebnis wider Erwarten aus: Nur 9 der 20 Nationalräte haben ein Twitterprofil:
Von der SVP haben drei der Untersuchten ein Profil (=75%), von der SP zwei (=50%), der CVP und der FDP je einer (= je 33,3%), von den Grünen zwei (=100%) und von der GLP und der BDP keiner. Beide Grünen Politiker sind aber so inaktiv, dass sie für die Auswertung nicht relevant sind. Zu Vergleichen hatten wir also nur 7 Profile.

Name Vorname Partei*
Brunner Toni SVP
Mörgeli Christoph SVP
Reimann Lukas SVP
Rickli Natalie SVP
Allemann Evi SP
Gross Andreas SP
Tschäppät Alexander SP
Wermuth Cédric SP
Darbellay Christophe CVP/EVP
Meier-Schatz Lucrezia CVP/EVP
Müller Leo CVP/EVP
Fiala Doris FDP
Fluri Kurt FDP
Wasserfallen Christian FDP
Gilli Yvonne Grüne
Leuenberger Ueli Grüne
Bäumle Martin GLP
Moser Tiana Angelina GLP
Grunder Hans BDP
Quadranti Stahel Rosmarie BDP
Liebrand Anian JSVP
Molina Fabian JUSO
Ammann Jean-Pascal JCVP
Zeier Maurus JFDP
Frank** Lena JGrüne
Huber*** Felix JGLP Zürich
****   BDP

* Sitzanteile: in Prozent: SVP: 28,5% = 4 Profile; SP: 23% = 4 Profile; CVP/EVP: 15,5% = 3 Profile; FDP: 15% = 3 Profile; Grüne: 7,5% = 2 Profile; GLP: 6% = 2 Profile; BDP: 4,5% = 2 Profile; Frauenanteil: 31% = 7 Profile
** Co-Präsidium mit Andreas Lustenberger
*** Co-Präsidium mit Joelle Gautier; JGLP gibt es nur in den Kantonen ZH, TG und SG, es gibt keine wirkliche nationale JGLP weil die Jungen in den „normalen“ Parteien aktiv sind.
**** keine Jungpartei vorhanden

Fünf von diesen sieben Politikern sind sehr aktiv. Das heisst, sie veröffentlichen zwischen 3 und 10 Tweets pro Woche, was ein sehr grosser Unterschied zu ihrer Anzahl an Postingbeiträgen auf Facebook ist. Der gepostete Inhalt unterscheidet sich von den Facebook-Inhalten insofern, dass die Themen-Spannweite viel breiter ist. Oft gibt es auch private Tweets.
Die Anzahl Antworten, wie die Kommentare bei Twitter heissen, sind so unterschiedlich, dass sie unter angemessenem Aufwand nicht zu vergleichen sind.
Bei Twitter gibt es ausserdem die Möglichkeit des ReTweet. Dies ist vergleichbar mit dem „teilen“ auf Facebook. Einerseits retweeten die Politiker selbst Tweets von anderen Twitterern, oder andere retweeten einen Tweet des Politikers. Auch hier ist die Anzahl sehr unterschiedlich. Auffallend ist jedoch, dass je öfter ein Politiker-Tweet von jemand anderem retweeted wurde, desto öfter gibt es auch Antworten zum entsprechenden Tweet.

 

Twitter_Cedric

Twitter-Profil von Cédric Wermuth (SP) mit Tweets und Retweet (Twitter, 2014)

 

Ganz allgemein wird aber viel weniger auf Twitter geantwortet als auf Facebook kommentiert. Deshalb sind auch die Atmosphäre und die Sprache viel angenehmer und weniger aggressiv als auf Facebook.
Bei den Jungparteien sieht es ähnlich aus wie bei Facebook. Alle haben zwar ein Profil, aber es sind nicht alle aktiv. So ist zum Beispiel JSVP-Präsident Anian Liebrand seit 2012 nicht mehr aktiv und Jean-Pascal Amman fast nicht aktiv, so dass auch er für die Analyse nicht relevant ist. Die verbleibenden vier Jungpolitiker sind dafür alle sehr aktiv am twittern. Maurus Zeier von der JFDP twittert von allen 26 Politikern mit Abstand am meisten und schafft es durchschnittlich auf 27 Tweets pro Woche!
Der Inhalt ist wie bei den älteren Politikern viel breiter gefächert als bei Facebook, doch zeichnet sich auch hier kein vermehrtes Antwortverhalten seitens der Follower auf und somit auch keine angeregten Diskussionen.

Twitter scheint also bei einzelnen Politikern ein sehr beliebtes Kommunikationsmittel zu sein. Vor allem bei den Jungpräsidenten zeigt sich, dass sie vermehrt auf Twitter aktiv sind, denn auf Facebook. Es wäre interessant herauszufinden, weshalb Twitter beliebter ist. Vielleicht macht Twitter einen erwachseneren Eindruck als Facebook, aber das ist nur eine Hypothese.
Durch die wenigen Antworten entfachen sich auch bei Twitter keine Diskussionen im Sinne der eParticipation. Dadurch zeigt sich, dass auch das Potenzial von Twitter von den Politikern nicht in dem Masse ausgeschöpft wird, das möglich wäre.

Von der Partizipation zur eParticipation – ein Überblick

 

Partizipation früher

Schon seit jeher will der Mensch an der Gemeinschaft teilhaben. Die einen mehr als andere, doch je grösser die Gemeinschaften werden, desto schwieriger und komplizierter wird es, gehört zu werden. So organisierte man Meinungsgruppen, Vereine und Bürgerversammlungen, um die Stimmen zu bündeln und so an der Gesellschaft partizipieren zu können. Die Partizipation bezeichnet also die „aktive Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen bei der Erledigung der gemeinsamen (politischen) Angelegenheiten bzw. der Mitglieder einer Organisation, einer Gruppe, eines Vereins etc. an den gemeinsamen Angelegenheiten“ (Schubert et al., 2010, zitiert nach: Eidg. Bundeskanzlei, 2011). Die Partizipation lässt sich im demokratischen Sinn in eine direkte und eine indirekte unterteilen. Als direkte Partizipation gilt eine aktive Beteiligung wie das „sich wählen lassen“ in ein Amt, wo man als Entscheidungsträger wirken kann (Jordi, 2006), zum Beispiel ein politisches Amt. Eine indirekte Partizipation ist folglich das wählen eines „Meinungs- Stellvertreters“ (op. cit.).

Mit dem Internet kommt das „e“

Mit der Entwicklung des Internets haben sich die Möglichkeiten der (politischen) Partizipation enorm erweitert. Vor allem seit das Web 2.0 auf dem Vormarsch ist, ist es jedem Bürger und jeder Bürgerin möglich, an verschiedensten Projekten, Angeboten und Entscheidungen von Vereinen, Gemeinden und Kantonen oder sogar dem Staat teilzuhaben. So haben zum Beispiel diverse Gemeinden eine Facebook- Seite, die es den Bürgern ermöglichen, auf einfache Weise mit der Gemeinde zu kommunizieren, Vorschläge zu machen oder in umgekehrter Richtung die Bürger über anstehende Veranstaltungen in der Gemeinde oder freie Stellen zu informieren. Ein gutes Beispiel hierzu ist die Facebookseite der Stadt Zug (Link). Viele Gemeinden und deren Ämter sind ausserdem auch auf Twitter vertreten. So informiert die Stadtpolizei Zürich laufend über Verkehrsbehinderungen, sucht nach Zeugen nach Überfällen oder beantwortet allgemeine Fragen wie zum Beispiel, ob tagsüber auch die Rücklichter am Auto angeschaltet sein müssen (Link).

ePartizipation kann man aus zwei Perspektiven definieren. Einerseits ist sie im politischen Sinne ein einfaches elektronisches Instrument der (in-) direkten Demokratie, um interessierte Bürger besser miteinbeziehen zu können. Sie ist den Begriffen eDemocracy und eGovernment untergeordnet (vgl. Blogbeitrag „Begriffe und Definitionen: eine Auslegeordnung“). Andererseits kann man eParticipation aber auch als allgemeines Kommunikationsinstrument betrachten, da sowohl beim eGovernment, der eDemocracy und dem eVoting durch Facebook und co. diverse Mitsprachekanäle zwischen einer Institution und dem Bürger entstehen.
In nachfolgenden Blogbeiträgen werden wir Ihnen einige Beispiele nach der zweiten Definition, also der Mitsprachemöglichkeit, vorstellen.