Unser IGEP-Hero – eine fiktive Wahl als Anschauungsbeispiel

 

Wie im ersten Beitrag erwähnt, führen wir diesen Blog als Leistungsnachweis für unser Fachhochschul-Studium an der HTW Chur. Zum Leistungsnachweis gehört auch, dass wir zu unserem Blogthema eDemocracy eine Schulungseinheit für unsere Kommilitonen durchführen.

Ziel war es, den Studierenden in der kurzen uns zur Verfügung stehenden Zeit einen möglichst breiten Einblick in die Themen unseres Blogs zu geben. Sie würden zwar nicht die Möglichkeit haben sich umfassend zu informieren, doch könnten sie sich von ihren Interessen leiten lassen und einzelne Aspekte näher kennenlernen.

Schnell hatten wir die Idee, dass eine Wahl durchgeführt werden sollte. Also sammelten wir Ideen, wie wir die Instrumente der eDemocracy bei einer Wahl einbinden konnten.

Da wir keine Politiker einladen wollten, erschufen wir zwei fiktive Kandidaten: Sina Momo Ligerhans uns Hans-Erni Willisegger. Wir gaben ihnen Hobbies, Familienhintergründe und Interessen und kreierten ihre ganze berufliche und politische Laufbahn. Auch die Parteien, die Partei für Soziale Demokratie PSD und die Demokratisch-Liberale Partei DLP, erfanden wir für sie. Um den Politikern ein Gesicht zu geben verkleideten wir uns mit Perücke und Halstuch, resp. mit Hemd, Hut und Schlips.

 

SML_FBProfil

Facebook-Profil von Sina Momo Ligerhans (FB, 2014)

 

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Facebook-Profil von Hans-Erni Willisegger (FB, 2014)

 

Da wir während des Bloggens echte Politiker auf Facebook untersuchten, wollten wir auch unsere fiktiven Kandidaten auf Facebook vertreten haben. Ausserdem eignete sich diese Social Media Plattform gut dafür, dass sich die Wähler (unsere Kommilitonen) über die Kandidaten informieren und sich im Sinne der eDemocracy mit ihnen unterhalten konnten.

Natürlich brauchte es eine Zeitung, die über die Politiker und den Wahlkampf berichtet. So erschufen wir Quick-Online auf Facebook. Quick-Online berichtete während des Wahlkampfs über ein fiktiv stattgefundenes Podiumsgespräch über Atomkraftwerke oder eine Affäre zwischen Sina Momo Ligerhans und Hans-Erni Willisegger’s Sohn Beat.

 

Quick_FBProfil

Quick-Online Facebook-Seite (FB, 2014)

 

Quick-Online Berichterstattung (FB, 2014)

Quick-Online Berichterstattung (FB, 2014)

 

Damit die Zeitung über das Podiumsgespräch berichten konnte, brauchten wir natürlich einen Inhalt des Gesprächs. Das Kunst- und Literaturkollektiv Konverter diskutierte für uns freundlicherweise während gut 10 Minuten angeregt und mit schlagenden Argumenten über AKWs, während wir das Gespräch aufzeichneten.

Während der Schulungseinheit füllten wir die eigens dafür erstellten Facebook-Profile der Politiker mit Informationen zum Thema eDemocracy, um den Kommilitonen so das Thema näher zu bringen. Ausserdem recherchierten wir in den echten Medien Berichte, die zu den jeweiligen Themen der Politiker passten und verlinkten sie auf deren Profil. Mit den Links posteten wir jeweils auch einen Kommentar der Politiker. So postet Sina Momo Ligerhans zum Beispiel den Link zu eZürich, über welches wir auch in unserem Blog berichten, mit dem Kommentar: „Wollt ihr Zürich verändern? Es ist alles möglich – man muss es sich nur vorstellen können.“

 

Postings von Sina Momo Ligerhans (FB, 2014)

Postings von Sina Momo Ligerhans (FB, 2014)

 

Als Adaption von Smartvote erstellten wir eine Online-Umfrage „clevervote“ via Findmind.ch: Wir stellten 10 Fragen, die die Politiker im Vorhinein und die Wähler während der Schulungseinheit beantworten konnten. Die Antworten der Wähler wurden „live“ mit den Antworten der Politiker verglichen. So konnte eine Wahlempfehlung ausgestellt werden.

Am Ende der verfügbaren Zeit wählten die Kommilitonen über Doodle elektronisch im Sinne von eVoting ihren Favoriten.

Bei der Gestaltung der Schulung haben wir uns auf glattes Eis hinausgewagt. Es war schwierig einzuschätzen, wie unsere Kommilitonen darauf reagieren würden, ob sie aktiv mitarbeiten werden, etc. Eine Rückmeldung einer Studierenden war denn auch durchaus berechtigt: In der kurzen Zeit war es nicht möglich, all die angebotenen Inhalte genau zu studieren. Interessant wäre es auch gewesen, mit den Schulungsteilnehmern über ihr Verhalten während der Schulung zu sprechen. Also herauszufinden, weshalb sie was „geliked“ oder kommentiert haben oder eben nicht. Doch dafür blieb leider einfach keine Zeit. Für die gesamte Übung hätten wir also durchaus auch zwei Lektionen füllen können.

Alles in Allem kann eine gelungene Übung mit grossem Unterhaltungswert verzeichnet werden. Es hat sich gelohnt, so viel Zeit und Aufwand in diese Schulungseinheit zu stecken und wir hoffen, dass wir damit das Interesse des einen oder anderen geweckt haben, sich im Anschluss an die Schulung weiter mit dem Thema eDemocracy zu befassen.

Um es Ihnen nicht vor zu enthalten: Sina Momo Ligerhans hat die Wahl zum IGEP-Hero mit 12 zu 2 Stimmen und 3 Enthaltungen bei einer Wahlbeteiligung von 100% klar gewonnen!

 

Quick-Online Wahlergebnis-berichterstattung (FB, 2014)

Quick-Online Wahlergebnis-berichterstattung (FB, 2014)

 

Hier noch ein erster Kommentar zu unserer Schulung von unserem Dozenten Hans-Dieter Zimmermann.

 

Smartvote – ein Erfahrungsbericht

 

Alle paar Monate findet sich das bekannte graue Abstimmungscouvert im Briefkasten. Ist das Couvert besonders schwer und dick, dann ist klar: es stehen Wahlen vor der Tür. Ein solches Couvert voll mit Propagandamaterial erhielt ich vor einigen Wochen, denn am 30. März 2014 standen die Gross- und Regierungsratswahlen im Kanton Bern auf dem Programm.

Für die Wahlen des Regierungsrates, bei welchem insgesamt sieben Sitze zu vergeben sind, ist es nicht ganz so schwer einen Überblick über die Kandidierenden zu erlangen. Etwas anders sieht es da bei den knapp 300 Politikern aus, die für den Wahlkreis Bern in den Grossrat einziehen möchten. Wer sind die Kandidaten? Welches sind ihre Ziele und Visionen für den Kanton Bern? Und welche Kandidierenden entsprechen mir in ihrer politischen Gesinnung am ehesten?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, habe ich die Online-Wahlhilfe smartvote zur Hilfe genommen. Smartvote wird vom neutralen und nicht gewinnorientierten Verein Politools betrieben. Es ist ein „interdisziplinäres wissenschaftliches Netzwerk, das Internet-basierte Projekte zur Förderung der politischen Bildung sowie des politischen Interesses der Bevölkerung betreibt“ (Politools, 2014).

Um eine Wahlempfehlung von smartvote zu erhalten, habe ich einen Fragebogen zu verschiedenen Themen rund um die Berner Politik ausgefüllt. Dieselben Fragen wurden zuvor von den Kandidierenden beantwortet, was einen Vergleich meiner eigenen Position mit derjenigen der Politiker erlaubt.

Bei der Beantwortung der 60 Fragen (möglich ist auch das Ausfüllen einer Kurzversion des Fragebogens mit 33 Fragen) ist ganz unkompliziert. Die Fragen sind kurz und verständlich formuliert. Fragen, zu welchen man keine Meinung hat, müssen nicht beantwortet werden. Es ist sogar möglich die einzelnen Fragen zu gewichten. Themen, welche einem besonders am Herzen liegen, kann also ein besonderes Gewicht verliehen werden. Nach Abschluss des Fragebogens errechnet smartvote den Grad der Übereinstimmung mit den Positionen der Politiker und gibt so eine Wahlempfehlung ab.

Doch was tue ich nun mit meiner Wahlempfehlung? Setze ich einfach diejenigen Kandidaten auf meine Wahlliste, welche meinen politischen Vorstellungen am ehesten entsprechen? So einfach ist es dann leider doch nicht.

Mithilfe von smartvote können die Wähler ihre Wahlentscheidung auf einer besseren Informationsbasis treffen. Doch sollte die Wahlempfehlung meiner Meinung nach nicht einfach 1:1 übernommen werden, sondern als Denkanstoss für die weiteren Überlegungen dienen. So sollte smartvote keinesfalls als Ersatz für die traditionelle Meinungsbildung angesehen werden, sondern als Ergänzung dazu.

Manch ein Wähler wird sich fragen, wie ehrlich die Politiker denn beim Ausfüllen des Fragebogens sind. Könnte es nicht sein, dass die Fragen strategisch ausgefüllt werden, um die Wahlchancen zu erhöhen? Gemäss einem Interview mit Marco Reimann, dem (ehemaligen) stellvertretenden Leiter von smartvote, kommt dies tatsächlich vor. So werden etwa Parteilinien verfolgt, die aber nicht zwingend der Meinung des Kandidierenden entsprechen müssen. Diese Loyalität zur Partei ist durchaus akzeptierbar, wenn der Kandidierende diese Haltung auch später im Parlament noch vertritt. Zu einem völlig konträren Ausfüllen des Fragebogens zur tatsächlichen Haltung des Kandidierenden sei es aber noch nie gekommen (Radio Zürisee, 2011).

Der Wähler könnte sich ebenfalls fragen, ob es überhaupt sinnvoll ist die von smartvote vorgeschlagenen Politiker zu wählen. In meinem Fall beispielsweise lieferte smartvote die Profile vieler Kandidaten, die neu aufs politische Parkett treten wollen und wohl eher geringe Chancen haben gewählt zu werden. Doch gerade für diese Politiker ist smartvote wertvoll, denn die Zahl der Wähler, die smartvote benützen, steigt stetig an. Bei den National- und Ständeratswahlen 2011 wurden 1,2 Millionen Wahlempfehlungen durch smartvote ausgestellt! Somit werden auch unbekannte Politiker für viele Menschen sichtbarer und die Parteien werden in einem gewissen Sinne entmachtet, da sie nicht einfach mehr ihre Spitzenkandidaten propagieren können (vgl. Radiobeitrag von Radio TOP vom 18.10.2011).

Für mich persönlich war smartvote eine sehr gute Unterstützung für die Wahlen des Gross- und Regierungsrates im Kanton Bern. Wichtig scheint mir, dass man smartvote nicht als Abnehmer der eigenen Wahlentscheidung versteht, sondern als Hilfestellung, die es ermöglicht sich schnell und einfach zu informieren. So habe ich meinen Wahlzettel also mit bestem Gewissen ausgefüllt. Auf die Resultate am Wahlsonntag wartete ich danach erst recht gespannt – und dass es nicht alle meine Wunschkandidaten in den Regierungs- oder Grossrat geschafft haben, hat natürlich mit smartvote nichts zu tun…