Smartvote – ein Erfahrungsbericht

 

Alle paar Monate findet sich das bekannte graue Abstimmungscouvert im Briefkasten. Ist das Couvert besonders schwer und dick, dann ist klar: es stehen Wahlen vor der Tür. Ein solches Couvert voll mit Propagandamaterial erhielt ich vor einigen Wochen, denn am 30. März 2014 standen die Gross- und Regierungsratswahlen im Kanton Bern auf dem Programm.

Für die Wahlen des Regierungsrates, bei welchem insgesamt sieben Sitze zu vergeben sind, ist es nicht ganz so schwer einen Überblick über die Kandidierenden zu erlangen. Etwas anders sieht es da bei den knapp 300 Politikern aus, die für den Wahlkreis Bern in den Grossrat einziehen möchten. Wer sind die Kandidaten? Welches sind ihre Ziele und Visionen für den Kanton Bern? Und welche Kandidierenden entsprechen mir in ihrer politischen Gesinnung am ehesten?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, habe ich die Online-Wahlhilfe smartvote zur Hilfe genommen. Smartvote wird vom neutralen und nicht gewinnorientierten Verein Politools betrieben. Es ist ein „interdisziplinäres wissenschaftliches Netzwerk, das Internet-basierte Projekte zur Förderung der politischen Bildung sowie des politischen Interesses der Bevölkerung betreibt“ (Politools, 2014).

Um eine Wahlempfehlung von smartvote zu erhalten, habe ich einen Fragebogen zu verschiedenen Themen rund um die Berner Politik ausgefüllt. Dieselben Fragen wurden zuvor von den Kandidierenden beantwortet, was einen Vergleich meiner eigenen Position mit derjenigen der Politiker erlaubt.

Bei der Beantwortung der 60 Fragen (möglich ist auch das Ausfüllen einer Kurzversion des Fragebogens mit 33 Fragen) ist ganz unkompliziert. Die Fragen sind kurz und verständlich formuliert. Fragen, zu welchen man keine Meinung hat, müssen nicht beantwortet werden. Es ist sogar möglich die einzelnen Fragen zu gewichten. Themen, welche einem besonders am Herzen liegen, kann also ein besonderes Gewicht verliehen werden. Nach Abschluss des Fragebogens errechnet smartvote den Grad der Übereinstimmung mit den Positionen der Politiker und gibt so eine Wahlempfehlung ab.

Doch was tue ich nun mit meiner Wahlempfehlung? Setze ich einfach diejenigen Kandidaten auf meine Wahlliste, welche meinen politischen Vorstellungen am ehesten entsprechen? So einfach ist es dann leider doch nicht.

Mithilfe von smartvote können die Wähler ihre Wahlentscheidung auf einer besseren Informationsbasis treffen. Doch sollte die Wahlempfehlung meiner Meinung nach nicht einfach 1:1 übernommen werden, sondern als Denkanstoss für die weiteren Überlegungen dienen. So sollte smartvote keinesfalls als Ersatz für die traditionelle Meinungsbildung angesehen werden, sondern als Ergänzung dazu.

Manch ein Wähler wird sich fragen, wie ehrlich die Politiker denn beim Ausfüllen des Fragebogens sind. Könnte es nicht sein, dass die Fragen strategisch ausgefüllt werden, um die Wahlchancen zu erhöhen? Gemäss einem Interview mit Marco Reimann, dem (ehemaligen) stellvertretenden Leiter von smartvote, kommt dies tatsächlich vor. So werden etwa Parteilinien verfolgt, die aber nicht zwingend der Meinung des Kandidierenden entsprechen müssen. Diese Loyalität zur Partei ist durchaus akzeptierbar, wenn der Kandidierende diese Haltung auch später im Parlament noch vertritt. Zu einem völlig konträren Ausfüllen des Fragebogens zur tatsächlichen Haltung des Kandidierenden sei es aber noch nie gekommen (Radio Zürisee, 2011).

Der Wähler könnte sich ebenfalls fragen, ob es überhaupt sinnvoll ist die von smartvote vorgeschlagenen Politiker zu wählen. In meinem Fall beispielsweise lieferte smartvote die Profile vieler Kandidaten, die neu aufs politische Parkett treten wollen und wohl eher geringe Chancen haben gewählt zu werden. Doch gerade für diese Politiker ist smartvote wertvoll, denn die Zahl der Wähler, die smartvote benützen, steigt stetig an. Bei den National- und Ständeratswahlen 2011 wurden 1,2 Millionen Wahlempfehlungen durch smartvote ausgestellt! Somit werden auch unbekannte Politiker für viele Menschen sichtbarer und die Parteien werden in einem gewissen Sinne entmachtet, da sie nicht einfach mehr ihre Spitzenkandidaten propagieren können (vgl. Radiobeitrag von Radio TOP vom 18.10.2011).

Für mich persönlich war smartvote eine sehr gute Unterstützung für die Wahlen des Gross- und Regierungsrates im Kanton Bern. Wichtig scheint mir, dass man smartvote nicht als Abnehmer der eigenen Wahlentscheidung versteht, sondern als Hilfestellung, die es ermöglicht sich schnell und einfach zu informieren. So habe ich meinen Wahlzettel also mit bestem Gewissen ausgefüllt. Auf die Resultate am Wahlsonntag wartete ich danach erst recht gespannt – und dass es nicht alle meine Wunschkandidaten in den Regierungs- oder Grossrat geschafft haben, hat natürlich mit smartvote nichts zu tun…

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Ein Kommentar zu “Smartvote – ein Erfahrungsbericht

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